Sicherheit steht angesichts des Krieges in Europa und der geopolitischen Konflikte hoch im Kurs. Aber Sicherheit lässt sich nicht nur rein militärisch erreichen, sondern wir müssen dafür auch Frieden mit der Natur schließen.
Table.Standpunkt von Jan-Niclas Gesenhues
Unsere Welt ist in Aufruhr. Kriege, geopolitische Machtkämpfe und autoritäre Politik prägen die internationale Lage. Akteure wie Donald Trump, Wladimir Putin oder Xi Jinping brechen schamlos das Völkerrecht und wollen die regelbasierte Ordnung durch die alleinige Macht des Stärkeren ersetzen. In dieser Situation ist es richtig und notwendig, dass Europa enger zusammenrückt und mehr Verantwortung für seine eigene Sicherheit übernimmt.
Doch wer Sicherheit heute nur militärisch denkt, greift zu kurz. Es ist fatal, dass die Lösung der ökologischen Krise durch die akuten Konfliktherde in den Hintergrund gerät. Denn Frieden ist auf Dauer nur möglich, wenn wir auch Frieden mit der Natur schließen. Wir dürfen die ökologische Krise nicht länger ignorieren oder gar verschärfen.
Schon heute sehen wir, wie Umweltzerstörung Krisen und Kriege anheizt. Die jahrelange Dürre in Syrien, ausgelöst und verstärkt durch den Klimawandel, zerstörte Lebensgrundlagen, trieb Millionen Menschen in die Städte und gilt als ein Faktor, der den Bürgerkrieg begünstigte. In der Sahelzone führen Desertifikation, Wasserknappheit und der Verlust fruchtbarer Böden zu wachsender Konkurrenz um Ressourcen – ein Nährboden für Gewalt, Terrorismus und politische Instabilität.
Auch der Konflikt um Wasser zwischen Äthiopien, Sudan und Ägypten zeigt, wie stark ökologische Fragen längst zu sicherheitspolitischen Konflikten geworden sind. Die UN warnt in einem Bericht vor einem Zeitalter des globalen Wasserbankrotts, das teilweise auch in Deutschland schon deutlich zu spüren ist, etwa in Brandenburg.
Putin nutzt bewusst die Verseuchung der Lebensgrundlagen als Waffe gegen die ukrainische Bevölkerung. Und weltweit verschärfen steigende Lebensmittelpreise infolge von Klimaschäden soziale Spannungen. Das trifft besonders Länder des globalen Südens. Aber auch bei uns ziehen die Preise an und erhöhen den Druck auf die Gesellschaft.
Vor diesem Hintergrund ist es verheerend, dass die Bundesregierung national und international derzeit einen Feldzug gegen Natur- und Umweltschutz führt. Die Räume der ökologischen Zivilgesellschaft werden bewusst eingeschränkt. Massive Kürzungen im Haushalt des Entwicklungsministeriums entziehen Umwelt- und Entwicklungsorganisationen die finanzielle Grundlage. Umwelt- und Naturschutzstandards werden abgesenkt, Beteiligungs- und Klagerechte von Umweltverbänden beschnitten.
Auf europäischer Ebene treiben Konservative ein sogenanntes „Omnibusgesetz“ voran, das zentrale Elemente des Green Deals zurückdrehen soll. Und ausgerechnet Umweltverbände werden von Friedrich Merz als demokratiegefährdend diffamiert – obwohl sie es sind, die demokratische Teilhabe, Rechtsstaatlichkeit und Gemeinwohlorientierung tagtäglich mit Leben füllen. Es scheint, als hätte sich Friedrich Merz beim Umgang mit der ökologischen Krise dem Trumpismus unterworfen: NGOs werden als linkes Lobby-Projekt diskreditiert. Dieser Vorwurf ist dreist und unwahr.
Was wir brauchen, ist nicht ein Krieg gegen die Natur, sondern ein Friedensschluss mit ihr – in Deutschland, in Europa und weltweit. Das bedeutet, unsere natürlichen Verbündeten für Sicherheit zu stärken: Moore, Wälder, Böden, Meere und funktionierende Ökosysteme. Sie speichern CO₂, regulieren Wasserhaushalte, sichern Ernten, schützen vor Extremwetter und sind damit elementare Grundlagen unserer Ernährung, unserer Gesundheit und unserer Sicherheit.
Nur wenn diese Ökosystemleistungen erhalten bleiben, können wir das Entstehen neuer Krisen und Kriege verhindern. Nur so lassen sich unkontrollierbare Fluchtbewegungen eindämmen, bevor sie entstehen. Dass dies keine ökologische Romantik ist, sondern harte Sicherheitspolitik, haben internationale Institutionen längst erkannt: Sowohl die NATO als auch das Weltwirtschaftsforum bezeichnen den Klimawandel und das Artensterben als eine der größten Bedrohungen für Frieden und Stabilität im 21. Jahrhundert.
Es ist höchste Zeit, dass auch die deutsche Bundesregierung Ökologie, Klima- und Umweltpolitik als integralen Bestandteil einer modernen Sicherheitsstrategie begreift – statt Naturschutz abzubauen und seine Akteure zu diskreditieren. Wer Frieden will, muss die natürlichen Lebensgrundlagen schützen. Alles andere ist sicherheitspolitisch kurzsichtig und historisch verantwortungslos.
